Die Bundeswehr ist inzwischen in vielen Krisenregionen vertreten. Immer mehr Bürger bezweifeln den Sinn des Engagements - der auch sehr viel Geld kostet.
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Afghanistan
Die schmutzige Seite des Kriegs
Von Ludwig Greven | © ZEIT ONLINE 29.8.2008 - 18:24 Uhr
Erstmals sind in Afghanistan bei einem Zwischenfall mit deutschen Soldaten Zivilisten gestorben. Nun ist das Entsetzen groß. Aber es ist heuchlerisch. Ein Kommentar
Wer ist Feind, wer ist Freund? Ein Bundeswehrsoldat auf Patrouille trifft einen Afghanen nahe Mazar-e-Sharif
© Paula Bronstein/Getty Images
Alle Einzelheiten sind noch nicht klar. Doch nach dem, was man weiß, haben deutsche Mitglieder der Isaf-Schutztruppe am Donnerstagabend an einer Straßensperre in der Nähe von Kundus eine Frau und zwei Kinder erschossen und weitere verletzt. Die Opfer saßen in einem Auto, das trotz Warnzeichen nicht anhielt und weiter auf den Kontrollposten zufuhr. Die Bundeswehrsoldaten und afghanische Sicherheitskräfte, die gemeinsam auf der Fahndung nach Drogenschmugglern waren, eröffneten daraufhin das Feuer.
Kollateralschaden nennt man so etwas in der zynischen Sprache des modernen Kriegs. Es sind Menschen, die sterben, weil sie zwischen die Fronten geraten, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind, weil sie sich – verängstigt oder abgestumpft durch die Präsenz des Militärs – "nicht korrekt verhalten", wie es ihnen die Isaf-Truppe auch noch vorhielt.
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Deutschland und vor allem deutsche Politiker sind geschockt. Erst einen Tag zuvor war ein deutscher Offizier bei einem Anschlag getötet worden. Das Bild des "sauberen", friedlichen Einsatzes am Hindukusch bekommt weitere Risse.
Aber dieses Bild war schon immer falsch. Sicher, die Bundeswehr bemüht sich mehr als andere in Afghanistan um den Wiederaufbau. Aber ebenso ist sie dort seit sechs Jahren an einem Krieg beteiligt, der immer wieder Opfer fordert – in den eigenen Reihen wie unter der Zivilbevölkerung. Erst vor Kurzem starben in Herat 90 Dorfbewohner bei einem Luftangriff der mit Deutschland verbündeten amerikanischen Truppen.
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Die Bundesregierung bemüht sich immer wieder, eine feine Unterscheidung zwischen der eigenen Mission im Norden des Landes und dem blutigen Kampf gegen Taliban vornehmlich im Süden zu treffen. Doch diese Trennung ist – wie der jüngste Anschlag zeigte – längst nicht mehr haltbar.
Deutschland führt mit seinen Nato-Verbündeten und anderen Krieg am Hindukusch. Die Regierung sollte es, wie Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe erst unlängst gefordert hat, endlich auch so nennen. Es mag gute Gründe für diesen Krieg gegeben haben und immer noch geben. Es gibt auch gute Gründe für die Einschätzung, dass er nicht zu gewinnen ist und die Nato ihre Truppen deshalb früher oder später abziehen sollte. Aber was überhaupt nicht weiterführt, ist, den Krieg länger zu bemänteln.
Es gibt keinen sauberen Krieg, und schon gar keinen ohne Opfer – ob "schuldige" oder "unschuldige". Der Bundeswehr ist, womöglich aus Nervosität nach dem Anschlag, das passiert, was amerikanische Soldaten im Irak oder Südafghanistan jeden Tag erleben. Die Afghanen aber werden jetzt umso weniger eine Unterscheidung zwischen den deutschen und anderen Soldaten machen. Denn auch die Deutschen bringen nicht nur den Frieden, sondern auch den Tod.
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