Dass der liebe Gott mit Politikern spricht, Baumaßnahmen vorschlägt, Länder in Kriegen unterstützt oder sie sogar zu Kriegen aufruft, nun, diese Auffassung war tatsächlich in Europa zuletzt 1914 modern. Heute halten wir Politiker, die glauben, dass Gott mit ihnen redet, in Europa eher für therapiebedürftig. Zum ersten Mal bekommen die USA vielleicht eine Präsidentenperson, die nicht nur Frau ist, sondern auch verrückt ist und gaga! Eine Doppelpremiere! Ehrlich gesagt: Ich kann, was den Grad des Wahnsinns betrifft, keinen großen Unterschied erkennen zwischen jemandem, der von Gott den Auftrag bekommt, im Irak einzumarschieren, und jemandem, den Allah damit beauftragt, das World Trade Center einzuäschern. Ich bin zuversichtlich, dass Gott selbst es ähnlich sieht.
Im Georgienkrieg geht es hauptsächlich darum, ob es in der Welt weiterhin nur einen einzigen Weltpolizisten gibt, die USA, oder ob die Russen nach längerer Pause in diesem Spiel wieder mitmachen dürfen. Ich finde diesen russischen Wunsch nicht von vornherein illegitim. Trotzdem ist der Gedanke an die neue Welt, die da gerade entsteht, extrem unbehaglich. Das Recht, das sich heute die Russen herausnehmen, nimmt sich morgen vielleicht China, übermorgen ein Vierter. Eine Welt mit mehreren rivalisierenden, ähnlich starken Imperien wäre eine Welt am Rand des Weltkriegs. Dann sind wir also wieder einmal an diesem Punkt. Nur, dass diesmal der Machtkampf kaum noch ideologisch verbrämt wird. Das riecht eher nach 1914 als nach einem neuen Kalten Krieg.
In den Kommentaren der letzten Wochen ist mir, in allen möglichen Zeitungen, häufig ein schneidiger Ton aufgefallen, bei dem einem angst und bange werden kann. „Die Russen“ als ein Feindbild, das sich von selbst begründet und über das man in der gleichen Tonlage schreibt wie einst über „die Kommunisten“. Auch diesmal wird man sich entspannen und die Interessen der anderen Seite anerkennen müssen, auch wenn man sie unsympathisch findet, es sei denn, man hielte Weltkrieg für eine Option. Ausgerechnet jetzt geben in den USA und in der deutschen USA-Lobby Leute den Ton an, die „Auf sie mit Gebrüll!“ nicht für das allerletzte Mittel halten, sondern für eine weise Politik.
Möglicherweise wird Sarah Palin Vizepräsidentin, Spitzname: Barracuda, mit relativ guten Aussichten, eines Tages den alten Präsidenten zu beerben. Im Juni hat Palin in einer Rede den Irakkrieg als eine Aufgabe bezeichnet, die Gott persönlich den USA aufgetragen habe. Auch der Bau einer Gaspipeline durch die Naturschutzgebiete von Alaska sei ganz klar Gottes Wille. Dass der liebe Gott mit Politikern spricht, Baumaßnahmen vorschlägt, Länder in Kriegen unterstützt oder sie sogar zu Kriegen aufruft, nun, diese Auffassung war tatsächlich in Europa zuletzt 1914 modern. Heute halten wir Politiker, die glauben, dass Gott mit ihnen redet, in Europa eher für therapiebedürftig. Zum ersten Mal bekommen die USA vielleicht eine Präsidentenperson, die nicht nur Frau ist, sondern auch verrückt ist und gaga! Eine Doppelpremiere! Ehrlich gesagt: Ich kann, was den Grad des Wahnsinns betrifft, keinen großen Unterschied erkennen zwischen jemandem, der von Gott den Auftrag bekommt, im Irak einzumarschieren, und jemandem, den Allah damit beauftragt, das World Trade Center einzuäschern. Ich bin zuversichtlich, dass Gott selbst es ähnlich sieht.
Um Himmels Willen, was wird ER Sarah Palin als Nächstes einflüstern? Setzt deutsche Kolumnisten beim Pipelinebau ein? Ich bete für Barack Obama.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.09.2008)