Die Deutschen sterben aus!”, “Die demographische Lücke schluckt unseren Wohlstand”. So tönt es aus den Medien, und manche hypersensible Seele wie Helmut Markwort von FOCUS oder Wolfram Weimer von Cicero hören nicht nur das Gras wachsen und das Totenglöcklein in der Schuldenkapelle läuten, sondern auch noch die demographische Zeitbombe ticken.
Der-Ex-Und-Nun-Wieder-SPD-Vorsitzende Müntefering polterte gar: “Wir Sozialdemokraten haben in der Vergangenheit die drohende Überalterung unserer Gesellschaft verschlafen. Jetzt sind wir aufgewacht. Unsere Antwort heißt: Agenda 2010! Die Demographie macht den Umbau unserer Sozialsysteme zwingend notwendig.”
Das Schreckensszenario ist bekannt.
30, 35, 40 Prozent der Bevölkerung werden in den Jahren 2010, 2030, 2050 über 60 Jahre alt sein und müssen dann durch “nur noch” 45, 40, 35 Prozent der Einwohner im Alter zwischen 20 und 60 Jahren “durchgefüttert” werden. So krass drückt das zwar niemand aus, aber wer zwischen den Zeilen lesen kann und sich an Philip Missfelders Äußerung in der Hüftgelenk-Debatte erinnert, - nicht jeder Ältere brauche ein neues Hüftgelenk und man sei schließlich früher auch auf Krücken gelaufen -, weiß, wie es gemeint ist.
Schon die Zahlen der Hobbydemographen stimmen nicht und sind pure Panikmache.
Aus der koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes ergibt sich folgendes Bild: Das Verhältnis der zu Versorgenden (Alte ab 60 Jahren und Junge unter 20 Jahren) zu Erwerbsfähigen (den Versorgenden) betrug 2001 45 Prozent. Es fällt bis 2010 auf 44,3 Prozent und erreicht 2020 ganze 46,6 Prozent. Das heißt: Es ändert sich demographisch praktisch gar nichts im Lande. (Vergleiche Hagen Kühn: “Demographischer Wandel und demographischer Schwindel, erschienen in “Blätter für deutsche und internationale Politik”, Nr. 6 2004)
Woher dann die Hysterie? Warum müssen dann staatliche Sozialleistungen so drastisch abgebaut werden?
Halt, werden nun die Päpstinnen und Päpste der demographischen Glaubenskongregation einwenden: Es geht ja vor allem um die Jahre 2030 bis 2050. Dazu ist zuallererst anzumerken: Seriöse Bevölkerungsprognosen sagen Entwicklungen allenfalls für 15 bis 20 Jahre voraus. Das Statistische Bundesamt meint denn auch: “Da der Verlauf der maßgeblichen Einflussgrößen mit zunehmendem Abstand vom Basiszeitpunkt immer schwerer vorhersehbar ist, haben solche langfristigen Rechnungen Modellcharakter.”
Schauen wir uns dennoch auch die langfristigen Entwicklungen und Modelle an.
Im Jahr 1900 kamen 12,4 Erwerbsfähige (15-64 Jahre) auf eine alte Person (über 64 Jahre), 50 Jahre später nur noch 6,9; nach weiteren 50 Jahren (Jahr 2000) 4,1 und für 2050 werden 2,0 prognostiziert.(Vergleiche M. Schlecht et al., Mythos Demografie)
Man sieht: Bereits seit über 100 Jahren unterliegt die Gesellschaft dem demographischen Wandel, wie er seit einigen Jahren dramatisiert wird, ohne dass auch nur eine der heute vorausgesagten Folgen eingetreten wäre.
Diese Tatsache hindert die selbsternannten Päpste und Päpstinnen der demographischen Kassandrasekte freilich nicht daran, dennoch auf ihren apokalyptischen Visionen zu beharren. Nach ihrer Logik müssten wir seit 100 Jahren immer mehr verarmen, weil ja immer wengier Erwerbstätige immer mehr Nicht-Erwerbstätige versorgen müssen. Wie kommt es, dass wir insgesamt dennoch wohlhabender geworden sind?
Nun, der Grund liegt darin, dass die Arbeitsproduktivität in den letzten 100 Jahren enorm angesteigen ist und immer noch exorbitant ansteigt. Das heißt, der “Ausstoß an Waren und Dienstleistungen” pro Arbeitsstunde ist in den letzten 100 Jahren geradezu explodiert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf hat sich in den letzten 100 Jahren, je nach Warenkorb, inflationsbereinigt verzehn- bis verzwanzigfacht. Ursache dafür ist vor allem der rasante technische Fortschritt, der auch aktuell keineswegs zu Ende ist, obwohl das so manche Unke, mancher Unkerich aus dem demographischen Tümpel zu glauben scheint.
Im verzweifelten Bemühen doch noch das demographische Weltende, - zumindest für Deutschland -, zu beweisen, wenden die Nostradami und -damen der demographia astrologica gerne ein, die Welt habe sich mit der Globalisierung geändert; sie führen ins Feld, dass nach Adenauer und Brandt und seit Helmut Kohl keine außergewöhnlichen Wachstumsraten mehr zu verzeichnen wären. Und deshalb müsse man den Sozialstaat zurückfahren.
Das ist Unsinn. Zurückfahren müsste man den Sozialstaat, wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der letzten 15 Jahre in Summe gesunken wäre. Das ist aber keineswegs der Fall. Im Gegenteil. Das deutsche BIP ist in den letzten 15 Jahren, sogar bei stagnierenden und sinkenden Beschäftigtenzahlen, um insgesamt ca. 25 Prozent gewachsen. Und das heißt: Umgerechnet auf jeden Einwohner (vom Säugling bis zum Greis) kommen in den letzten 15 Jahren 25 Prozent mehr an Wirtschaftskraft, an Waren und Dienstleistungen.
Warum merken nun aber die kleinen Leute so wenig davon, warum kommt so wenig bei ihnen vom Produktivitätszuwachs an? Wie kommt es, dass die Nettorealverdienste der Arbeitnehmer von jährlich 17.280 Euro 1992 auf 15.845 Euro im Jahr 2006 gesunken sind? (Quelle: DIE ZEIT, 24.1.2008, S. 22, Bundesministerium für Arbeit und Soziales).
Die Amatuerstatistiker und Statisten der Horrorsszene vermuten einen demographischen Zusammenhang, ohne nachweisen zu können, wie der genau aussehen soll. In der Tat sind die Reallöhne in den letzten 15 Jahren gesunken. Die Einkommen der Arbeitslosen, Studenten und Rentner sogar ganz erheblich. Das ist richtig. Allerdings haben die Erscheinungen wie Fachkräftemangel, Reallohnverluste und Auszehrung der Binnenachfrage sowie Absinken der Massenkaufkraft absolut nichts mit dem demographischen Wandel zu tun.
Fachkräfte - und Ingenieurmangel herrscht in Deutschland, weil man seit 25 Jahren das Bildungswesen und die Talente im Lande kaputtspart und immer mehr verkümmern lässt. Es fehlt an flächendeckenden Vor- und Ganztagsschulen, immer weniger Kinder aus finanzschwachen Familien gehen auf weiterbildende Schulen, immer weniger aus diesem Umfeld studieren. Außerdem drängen immer mehr Studenten in die goldumflorten Wirtschaftsfächer, weil seit über 20 Jahren immer mehr Tamtam um die ökonomische Manager-Schickeria gemacht wurde, wohingegen Techniker, Maschinenbauer, Ingenieure mehr und mehr als eine Art bessere Monteure, als Befehlsempfänger und akademisches Fußvolk abgestempelt wurden.
Die Ursachen für den Reallohnvelust sogar in Aufschwungzeiten erklärt die jüngste DIW-Studie zu diesem Thema. Im Aufschwung der großen Koalition - unter Merkel und Steinbrück - sank das reale Nettolohneinkommen aller Beschäftigten um 1,5 Prozent, Arbeitslosen- und Kindergeld, BAFöG und Renten sogar um fast sechs Prozent. Hingegen sind nach den Berechnungen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) die Gewinne der Unternehmen in den elf Quartalen des jüngsten Aufschwungs um mehr als 20 Prozent gestiegen.
Der Produktivitätszuwachs kommt bei Otto-Normalverbraucher und den kleinen Leuten nicht mehr an. Mit dem demographsichen Wandel hat das nichts zu tun, aber sehr viel mit dem Schwächeln der Gewerkschaften, mit der Installation eines Niedriglohnsektors, mit den Reichsarbeitsdienst-ähnlichen HartzIV-Vorschriften. Deshalb landet immer mehr vom Produktivitätszuwachs in den Schatullen und auf die Konten der Reichsten, wird immer mehr in Golfplätze, Marmor- und Glaspaläste investiert als in Kindergärten, Kitas, Unis, Vor- und Ganztagsschulen. Deshalb fließen die Gelder im Übermaß in Fincas und Ferraris, Yachten und Reitställe, vor allem aber in die Spekulation, anstatt in die Massenkaufkraft, die über Binnennachfrage Aufträge und Arbeitsplätze generiert und sichert.
Das Ziel von Willy Brandts Politik war noch: Mehr Bildung, mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Mitbestimmung, sprich “mehr Demokratie wagen”.
Das nannte sich “Modell Deutschland” und wurde von den Nachbarländern nicht nur beachtet und respektiert, sondern auch offen oder insgeheim bewundert. Heute hat man oft den Eindruck, das Ziel der Regierung Merkel-Steinbrück sei ein Groß-Moldawien mit Steuer- und Lohndumping mitten in Europa. Um diese Tendenzen durchzusetzen, wird die demographische Lücke als Gespenst an die Wand gemalt. Diese Lücke wurde jedoch immer schon durch die mit dem technischen Fortschritt ständig wachsende Arbeitsproduktivität geschlossen.
Wie so oft, wenn Mächtige und Medien einen Popanz erfinden, sind nicht so sehr die Erfinder von dem Monster fasziniert, als vielmehr teilweise blauäugige Lobbyisten und das leichtgläubige Publikum vor der Schaubude. Wenn sich dann aufgrund nüchterner Analyse heraussstellt, dass die demographische Lücke nur ein Verkaufstrick der privaten Versicherungswirtschaft war, ist es für die Gläubigen schwer, sich vom liebgewordenen Schauder zu trennen, zumal dann, wenn sie öffentlich vor dessen Schrecken gewarnt und sich geradezu in symbiotischer Weise damit identifiziert haben.
Gegen diese Form der lustvollen Selbsthysterisierung hilft dann kein noch so ausgefeiltes, wissenschaftlich fundiertes und wasserdichtes Dossier, sondern nur eine Langzeittherapie. Doch das ist in der Politik bekanntlich nichts Neues.