Die Deutschen klagen gern, wie sehr sie unter Europa leiden müssen. Dabei hat kein anderes Land die Euro-Politik seit Jahren so diktiert – und damit auch zur Krise beigetragen. Jetzt kommt die Rechnung.
Die Deutschen klagen gern, wie sehr sie unter Europa leiden müssen. Dabei hat kein anderes Land die Euro-Politik seit Jahren so diktiert – und damit auch zur Krise beigetragen. Jetzt kommt die Rechnung.
Deutsche Regierungen haben dafür gesorgt, dass Europas Zentralbank die Statuten der Bundesbank bekommt, in verschärfter Form. Sie musste natürlich in Frankfurt sitzen und darf nur Präsidenten mit deutschen Vorstellungen kriegen. Der Chefökonom ist seit einem Jahrzehnt immer ein Deutscher. Selbst die Idee, jährlich Geldmengenziele zu setzen, musste übernommen werden, obwohl selbst die Bundesbank daran jedes zweite Jahr scheiterte. Von Deutschen kam die Vorgabe, einen juristisch strengen Stabilitätspakt zu machen, den deutsche Euro-Bestimmer mit geübtem Regulierungseifer strickten. Da durften die Franzosen gerade noch durchsetzen, dass der Pakt auch Wachstumspakt heißt. Fast zehn Jahre wachte in Brüssel ein deutscher Direktor über das Einhalten der Stabilitätsprogramme – wobei Griechen trotzdem Lob für Stabilitätsfortschritte bekamen. (…)
Dazu kommt seit der Finanzkrise die Einsicht, dass in heftigen Krisen Konjunkturprogramme nötig sein können, um größere Desaster zu verhindern. Auch das kam im deutschen Euro-Denken bis dahin nicht vor. Das deutsche Euro-Drama nimmt seitdem an Fahrt auf. Weil es zum Dogma stilisiert wurde, bloß nichts wirtschaftspolitisch abzustimmen, ließ man Spanier und Iren im Rausch ihrer Immobilienblasen schwelgen, begrüßte sogar Steuersenkungen, die das konjunkturelle Überhitzen und die Rückschlagsgefahr noch erhöhten, statt früheres Gegensteuern zu verlangen, zum Beispiel über höhere Steuern. Deshalb stimmte Konjunktur- und andere Rettungspakete nicht ab, was nach gängigen Studien viel Wachstum gekostet hat. Und deshalb stellen sich selbst hochintelligente Menschen hierzulande dumm, wenn es um den einfachen Befund geht, dass es auf Dauer kracht, wenn sich ein Land auf Kosten anderer saniert und immer mehr exportiert als importiert. (…)
Deutschlands Euro-Vorstellung passt in eine Welt, in der geschmeidige Märkte effiziente Urteile fällen, Regierungen nur artig haushalten müssen und Notenbanker wie von Wunderhand die Inflation über ihre Zinsen steuern – und ansonsten viel Golf spielen. Das ist ein Märchenland. Im deutschen Euro-Modell war für keinen einzigen der Schocks vorgesorgt, die der Weltwirtschaft seit Jahren dramatisch zusetzen. Höchste Zeit für ein neues Euroland.
Quelle: Financial Times Deutschland
| Besucher: | 1023662 |
| Heute: | 57 |
| Online: | 6 |