SPD Berg bei Neumarkt in der Oberpfalz

Sozial. Engagiert. Für unsere Gemeinde.

Das deutsche Wirtschaftsmodell unter Beschuss

Veröffentlicht am 18.04.2010 in Wirtschaft

Am Streit um die Hilfen für Griechenland ist vor allem eins gruselig: Er enthüllt, was für ein unvereinbares Verständnis die Deutschen und die anderen von der Krise haben. Eine Kluft, die Angst macht. Das deutsche Modell geht etwa so: Gutes Wirtschaften ist, wenn jeder dafür sorgt, dass es keine Haushaltsdefizite gibt, die eigene Wirtschaft wettbewerbsfähiger wird und Kosten so lange sinken, bis jeder einen Job hat.

Die Nachfrage kommt dann von allein. Und welches Land schlecht ist, darüber entscheiden Finanzmarktinvestoren und Ratingagenturen. In so einem Denkmodell ist klar: Wer hohe Schulden und Arbeitslosigkeit hat, ist per Definition selbst schuld und muss gucken, wie er da wieder rauskommt. Stammtisch trifft Ökonomie. Da sollte man schludernden Griechen nicht helfen. Da hilft nur Strafe, vom Markt oder vom Stabi-Pakt XXL. Da wirkt es komisch, wenn andere plötzlich meinen, die vermeintlich vorbildlichen Deutschen müssten einspringen. Fraglich ist, ob das klappt, wenn alle gleichzeitig Marktanteile gewinnen wollen, wie es die Institute im Frühjahrsgutachten etwas naiv vorschlagen. Das geht mathematisch nicht. Von allein kommt so viel Nachfrage ohnehin nicht: Trotz Jobbooms lag auch in Deutschland der Konsum aus eigener Haltung am Ende des letzten Aufschwungs kaum höher als am Anfang. Zweifelhaft ist auch, ob Staatsdefizite immer selbst verschuldet sind. Das erleben gerade die Deutschen, die ohne Finanzkrise und Milliardengelder für Banken Überschüsse statt Rekordschulden hätten.
Der Diagnose von Nobelpreisträger Joseph Stiglitz zufolge erfüllt Griechenland aus strukturell-ökonomischer Sicht gar nicht die typischen Merkmale eines Pleitelandes wie einst Argentinien. Dazu sei es erst geworden, weil die Märkte auf Bankrott setzten und die Zinskosten für den Staat entsprechend hochtrieben – eine sich selbst erfüllende Spekulation. Jetzt wird die Finanzierung in der Tat schwierig. Vor Kurzem wurden die Griechen von EU oder OECD noch für ihre wirtschaftliche Dynamik gelobt. Dann ist das, was die Deutschen gerade tun, gut gemeint, aber de facto ein Desaster. Wenn steigende Steuern und rabiat gekürzte Ausgaben in einer Rezession alles nur schlimmer machen, droht den Griechen eine Dauerkrise – auf deutsche Empfehlung. Wenn das stimmt, wäre es dringend gewesen, schon Ende 2009 so schnell wie möglich kundzutun, dass die EU mit allen Mitteln helfen wird – nicht um wirklich zu helfen, sondern um die Spekulation abrupt zu stoppen. Dann wäre es nie so weit gekommen. Und dann wären andere auch nicht so sauer auf uns, von den Griechen über OECD und IWF bis zu Nobelpreisträgern und selbst nüchternen Vertretern der Europäischen Zentralbank. Es könnte lohnen, das Denkmodell zu überholen.

 

Counter

Besucher:1023662
Heute:21
Online:1